Presseinformation (22.11.2010)

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Barrierefreies Studieren für Gehörlose in Sicht
Neu gewählter Beirat der Europäischen Gebärdensprach-Universität
forciert Engagement für die Etablierung in Bad Kreuznach

Die Informationstage zur Etablierung einer Europäischen Gebärdensprach-Universität in Bad Kreuznach am vergangenen Wochenende trafen auf eine gute Resonanz. Zahlreiche am Projekt Interessierte aus ganz Deutschland, Gehörlose, wie auch Hörende, nahmen aus unterschiedlichster Motivation die Gelegenheit wahr, bei einem Rundgang auf dem potentiellen Universitätsgelände sich den zukünftigen Campus anzusehen. Im Anschluss wurden bei einer Informationsveranstaltung Fragen zum Projekt beantwortet und am Abend zeigte ein Benefizkonzert der Initiative Sense our Possibilities (SOPOS), wie Musik und Performance aussehen können, die für Hörende wie Gehörlose zugänglich ist.

Wichtiger Punkt auf der Tagesordnung der Gesellschaft der Europäischen Gebärdensprach-Universität war die Wahl eines Beirates, dem drei wichtige Aufgabenbereiche zukommen: 1. Das zur Finanzierung notwendige Grundkapital zusammenbringen (Spenden sammeln, Unternehmen gewinnen, Fördergelder auf Landes-, Bundes- und EU-Ebene eruieren) 2. Die Schaffung der universitären Voraussetzungen (Akkreditierung und staatliche Zulassung, Struktur der Fakultäten, etc.) sowie 3. Eine Ausarbeitung des Gebäude- und Campus-Konzeptes und insbesondere der notwendigen Bau- und Umbauarbeiten.

Die sieben zunächst gewählten Beiratsmitglieder sind: Vorsitzende: Irmhild Rogalla (schwerhörig, Berlin, Leiterin Institut für praktische Interdisziplinarität); Stellvertreter: Sören Gericke (gehörlos, München, Pädagoge Didaktik), Bernhard Ludwig-Schugmann (schwerhörig, Bauzeichner, -techniker, Verwaltungsfachangestellter); Mitglieder: Deutscher Gehörlosen-Bund e.V., vertreten durch die Vizepräsidentin Christine Linnartz (gehörlos, Wuppertal), Bundeselternverband gehörloser Kinder e.V., vertreten durch die Schatzmeisterin Marliese Latuske (hörend, Dortmund), Johannes Storz (hörend, Neritz, Dipl.-Kaufmann, Unternehmer), Jürgen Koch (hörend, Westerholz, Dipl.-Ing., Büro für Projektentwicklung). Dieser bereits sehr breit und vielfältig aufgestellte Beirat wird noch auf 15 Personen ergänzt unter Berücksichtigung der für die diversen Aufgabengebiete benötigten Kompetenzen.

Dringlichste Aufgabe des Vorstandes ist für die nahe Zukunft, insbesondere die Politik für dieses einzigartige Projekt zu sensibilisieren, damit endlich ein barrierefreies gemeinsames Studieren von Hörenden und Gehörlosen durch Inklusion ermöglicht und damit unter anderem der Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention (2008) „Niemand darf vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden“ par excellence umgesetzt werden kann.

– Hinsichtlich der Bildungspolitik wird Unterstützung benötigt für die Zulassung und Etablierung der Universität sowie zur Förderung der Chancengleichheit und Realisierung der Inklusion

– Hinsichtlich der Arbeitsmarktpolitik erhofft man sich Unterstützung, da selbst gut ausgebildete Gehörlose keinen Arbeitsplatz finden und die Sozialversicherungen als Unterstützungsempfänger belasten.

– Auch wirtschaftspolitisch ist Engagement gefragt, da eine Universität am Standort Bad Kreuznach eine große Chance für Stadt, Region und Land bietet.

Dr. Ingo Barth, Vorsitzender des Vorstands: „Unser Projekt Europäische Gebärdensprach-Universität ist einmalig für Europa. Es wird endlich die Anerkennung und Gleichstellung von Hörenden und Gehörlosen in der Hochschulbildung ermöglichen. Nun ist es wichtig, dass die Stadt Bad Kreuznach den General Rose Gewerbepark mittelfristig für das Projekt reserviert und Geduld zeigt. Wir wissen, dass wir einen langen Atem zur Realisierung des Projekts benötigen, aber gleichermaßen sind wir überzeugt, dass die Idee nicht an Schwung verlieren wird – im Gegenteil – wir stehen in den Startlöchern.“

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Gebärdensprachlern fehlt das Geld

Artikel aus „Allgemeine Zeitung“

Gebärdensprachlern fehlt das Geld
22.11.2010 – BAD KREUZNACH

Von Beate Vogt-Gladigau

UNIVERSITÄTSPROJEKT Tagung klärt weitere Schritte auf Weg für europaweit einzigartiges akademisches Angebot

Dr. Ingo Barth ist der erste Gehörlose mit einem Doktortitel in Chemie (FU Berlin). Der Vorsitzende der Gesellschaft der Europäischen Gebärdensprach-Universität Bad Kreuznach, die erst vor wenigen Wochen in das Vereinsregister eingetragen wurde, kennt die Probleme tauber Studenten, die auf Gebärdendolmetscher angewiesen sind, aus eigener Erfahrung.

Rund einhundert gehörlose Studierende gibt es in Deutschland. „Viele vielversprechende Leute haben ihr Studium abgebrochen“, so Dr. Barth. Auch er musste sich „durchkämpfen“. Gleiche Chancen sollen Taube und Hörende, die bereit sind, Gebärdensprache in Vorbereitungskursen zu erlernen, auf der geplanten Universität in der Nahestadt haben, auf der in deutscher Gebärdensprache (DGS) kommuniziert wird. Dies gilt für alle Beteiligten: Dozenten, Referenten, Mitarbeiter und Studenten. Auf Gebärdensprachdolmetscher kann dann verzichtet werden.

Für Immobilien-Geschäft fehlen zwei Millionen Euro

Im Sinne der Inklusion nach der UN-Behindertenrechtskonvention soll eine akademische Ausbildung ermöglicht werden. Auch eine gymnasiale Oberstufe ist geplant, damit taube Schulabgänger und Fachabiturienten die allgemeine Hochschulreife erlangen können.

Bei einer Tagung am Wochenende in Bad Kreuznach berichtete Barth über die aktuelle Situation im Blick auf die Gebärdensprach-Uni. Die ersten Gedanken sind erst ein Jahr alt, haben sich schnell weiterentwickelt, 40 Mitglieder (Einzelpersonen und Institutionen) konnten gewonnen und Kontakte zu Politikern in der Stadt, im Kreis oder auch im Land geknüpft werden.

Den ursprünglichen Zeitplan, bis Januar 2011 zwei Millionen Euro als Anzahlung zur Reservierung für Gelände und Gebäude im Gewerbepark General Rose aufzubringen, musste der Verein aber als unrealistisch erkennen. Der Druck, die BKEG (Bad Kreuznacher Entwicklungsgesellschaft) könnte die Gebäude früher verkaufen, besteht weiter. Das Versprechen, bei anderen Interessierten werde man den Verein informieren, betrachtet Barth als Hilfe. Oberbürgermeister An- dreas Ludwig konnte seinerseits auch keine konkrete Unterstützung zusichern, da die Stadt nur zu einem Drittel an der BKEG beteiligt ist. Er empfahl den Verantwortlichen aber, zunächst das Profil der neuen Uni zu entwickeln und eine Zulassung zu erwirken. Für den 1. Dezember ist ein erstes Gespräch mit dem Mainzer Kultusministerium terminiert, um die Konditionen für eine Zulassung abzuklopfen – und das politische Interesse in der Landeshauptstadt an der Idee für eine Gebärdensprach-Uni, die auch Vorstandsmitglied Carsten Pörksen als „toll und bestechend“ bewertet, abzuklopfen.

„Aber allein wegen der Idee werden die Leute ihre Schatulle nicht öffnen.“ Eine Zulassung, die in etwa drei Jahren durchgesetzt werden könnte (bei einer beschränkten Zahl von Fächern und Studiengängen), wäre ein Signal für Investoren aus Industrie und Wirtschaft oder für Private, sich einzuklinken.

Sponsoren-Suche in ganz Europa

Beiratsmitglied Johannes Storz vertrat allerdings die Meinung, parallel zu den Zulassungsverhandlungen europaweit nach Sponsoren zu suchen und „Bereitschaftserklärungen“ von europäischen Konzernen zu erhalten. Bei einer Beiratssitzung im Dezember soll eine Agenda über das weitere Vorgehen erarbeitet werden.

Im Finanzierungsplan stehen weitere zwei Millionen Euro zur Renovierung der fünf denkmalgeschützten Gebäude. Bis das komplette Konzept mit allen Vorhaben für eine barrierefreie Universität – auch für Rollstuhlfahrer und Blinde – im Laufe der Jahre umgesetzt ist, dürften hundert Millionen Euro gebraucht werden. An den Start gehen soll das für Europa einzigartige Projekt als private Uni mit Studiengebühren. Langfristig soll die Einrichtung mit dem Standort Bad Kreuznach als „Nabel“ zum europäischen Ausland staatlich anerkannt werden.

Für dieses Ziel braucht es starke Schultern aus der Wirtschaft oder aus Stiftungstöpfen – nicht nur aus Deutschland, sondern aus der Europäischen Union mit ihren 27 Mitgliedsstaaten.

Am Wochenende konstituierte sich auch der Beirat für die Gebärdensprach-Uni (siehe Kasten). Wie schon der Vorstand setzt er sich aus tauben und hörenden Vertretern zusammen. Zur Vorsitzenden wurde Irmhild Rogalla aus Berlin gewählt. Die Schwerhörige ist Leiterin eines Instituts für praktische Interdisziplinarität. Ihre sechs Kolleginnen und Kollegen vertreten gleichzeitig auch verschiedene Kompetenzen. Das ist nicht nur bei der Sponsorensuche entscheidend, sondern auch für die notwendigen Renovierungs- und Bauvorhaben, um einen Campus zu entwickeln, wie Pressereferentin Hilke Nagel betonte, und für Aktivitäten auf dem politischen Parkett. Denn auch der Arbeitsmarkt soll auf gehörlose Akademiker vorbereitet werden.

Neuer Filmbeitrag auf SWR ausgestrahlt / New broadcasting telecasted on SWR

Der Filmbeitrag über unsere Pläne der Gebärdensprach-Universität in Bad Kreuznach wurde am 20.11.2010 in der Nachrichtensendung „rp-aktuell“ auf SWR ausgestrahlt. Dieser Filmbeitrag kann nur noch bis 27. November auf der SWR-Homepage abgerufen werden. Hier ist der Link.

The broadcasting of our Sign Language University Bad Kreuznach was telecasted on November 20, 2010 under the programme “rp-aktuell” on SWR. You can see this broadcasting up until November 27 on the SWR homepage. Here is the link.

Hier ist der deutsche Text zum Film (mit dem herzlichen Dank an SWR):

Anmoderation:
In Deutschland gibt es circa 80-tausend Menschen, die nichts oder sehr wenig hören. Aber die einzige Universität für Gehörlose weltweit gibt es in den USA. Vielleicht könnte bald die erste europäische Gebärdensprach-Uni in Bad Kreuznach entstehen. Hier sollen dann taube, schwerhörige und hörende Studenten einen Abschluss machen können. Die Planungen laufen, es fehlen nur noch Sponsoren.

Beitrag:
Einer Vorlesung an einer ganz normalen Universität folgen – für Gehörlose ist das auch mit Gebärdensprachdolmetscher extrem schwierig. In Bad Kreuznach soll deshalb die erste europäische Gebärdensprach-Uni entstehen – auf diesem ehemaligen Militärgelände. Einen Gründungsverein gibt es bereits, erste Pläne sind fertig – was fehlt sind für den Anfang acht Millionen Euro.

Dr. Ingo Barth: „Wir werden auf Firmen zugehen und Spendenaufrufe machen, damit sich dieses Vorhaben entwickeln kann. Wir haben einen Beirat gewählt, wir arbeiten am Konzept und wir werden an verschiedene Träger, Stiftungen und andere Quellen herangehen, wo Geld gesammelt werden kann.“

Großzügige Sponsoren müssen also her. Deshalb zeigten die Initiatoren das Gelände heute möglichen Studenten und vor allem Geldgebern.

Marlies Latuske (Bundeselternverband gehörloser Kinder e.V.): „Vernetzung ist ein wichtiger Punkt. Unsere Gruppe ist klein, aber es gibt starke Organisationen. Gemeinsam ist man stark.“

Jürgen Koch (Capito-IT): „Ich denke schon, daß Bad Kreuznach geeignet ist. Einen Campus auf diesem Gelände würde ich mir sehr nett vorstellen.“

Besonders wichtig ist Initiatoren und Geldgebern, daß in Bad Kreuznach Gehörlose und Hörende gemeinsam studieren sollen. Und das schon in drei Jahren. Wenn genug Geld zusammenkommt.

Von Judith Göller Video über „1. europäische Gebärdensprach-Universität in Bad Kreuznach geplant“

Ein wunderbarer Artikel über unser Projekt.

 

Hier der Link für mehr Informationen.