Gebärdensprachlern fehlt das Geld

Artikel aus „Allgemeine Zeitung“

Gebärdensprachlern fehlt das Geld
22.11.2010 – BAD KREUZNACH

Von Beate Vogt-Gladigau

UNIVERSITÄTSPROJEKT Tagung klärt weitere Schritte auf Weg für europaweit einzigartiges akademisches Angebot

Dr. Ingo Barth ist der erste Gehörlose mit einem Doktortitel in Chemie (FU Berlin). Der Vorsitzende der Gesellschaft der Europäischen Gebärdensprach-Universität Bad Kreuznach, die erst vor wenigen Wochen in das Vereinsregister eingetragen wurde, kennt die Probleme tauber Studenten, die auf Gebärdendolmetscher angewiesen sind, aus eigener Erfahrung.

Rund einhundert gehörlose Studierende gibt es in Deutschland. „Viele vielversprechende Leute haben ihr Studium abgebrochen“, so Dr. Barth. Auch er musste sich „durchkämpfen“. Gleiche Chancen sollen Taube und Hörende, die bereit sind, Gebärdensprache in Vorbereitungskursen zu erlernen, auf der geplanten Universität in der Nahestadt haben, auf der in deutscher Gebärdensprache (DGS) kommuniziert wird. Dies gilt für alle Beteiligten: Dozenten, Referenten, Mitarbeiter und Studenten. Auf Gebärdensprachdolmetscher kann dann verzichtet werden.

Für Immobilien-Geschäft fehlen zwei Millionen Euro

Im Sinne der Inklusion nach der UN-Behindertenrechtskonvention soll eine akademische Ausbildung ermöglicht werden. Auch eine gymnasiale Oberstufe ist geplant, damit taube Schulabgänger und Fachabiturienten die allgemeine Hochschulreife erlangen können.

Bei einer Tagung am Wochenende in Bad Kreuznach berichtete Barth über die aktuelle Situation im Blick auf die Gebärdensprach-Uni. Die ersten Gedanken sind erst ein Jahr alt, haben sich schnell weiterentwickelt, 40 Mitglieder (Einzelpersonen und Institutionen) konnten gewonnen und Kontakte zu Politikern in der Stadt, im Kreis oder auch im Land geknüpft werden.

Den ursprünglichen Zeitplan, bis Januar 2011 zwei Millionen Euro als Anzahlung zur Reservierung für Gelände und Gebäude im Gewerbepark General Rose aufzubringen, musste der Verein aber als unrealistisch erkennen. Der Druck, die BKEG (Bad Kreuznacher Entwicklungsgesellschaft) könnte die Gebäude früher verkaufen, besteht weiter. Das Versprechen, bei anderen Interessierten werde man den Verein informieren, betrachtet Barth als Hilfe. Oberbürgermeister An- dreas Ludwig konnte seinerseits auch keine konkrete Unterstützung zusichern, da die Stadt nur zu einem Drittel an der BKEG beteiligt ist. Er empfahl den Verantwortlichen aber, zunächst das Profil der neuen Uni zu entwickeln und eine Zulassung zu erwirken. Für den 1. Dezember ist ein erstes Gespräch mit dem Mainzer Kultusministerium terminiert, um die Konditionen für eine Zulassung abzuklopfen – und das politische Interesse in der Landeshauptstadt an der Idee für eine Gebärdensprach-Uni, die auch Vorstandsmitglied Carsten Pörksen als „toll und bestechend“ bewertet, abzuklopfen.

„Aber allein wegen der Idee werden die Leute ihre Schatulle nicht öffnen.“ Eine Zulassung, die in etwa drei Jahren durchgesetzt werden könnte (bei einer beschränkten Zahl von Fächern und Studiengängen), wäre ein Signal für Investoren aus Industrie und Wirtschaft oder für Private, sich einzuklinken.

Sponsoren-Suche in ganz Europa

Beiratsmitglied Johannes Storz vertrat allerdings die Meinung, parallel zu den Zulassungsverhandlungen europaweit nach Sponsoren zu suchen und „Bereitschaftserklärungen“ von europäischen Konzernen zu erhalten. Bei einer Beiratssitzung im Dezember soll eine Agenda über das weitere Vorgehen erarbeitet werden.

Im Finanzierungsplan stehen weitere zwei Millionen Euro zur Renovierung der fünf denkmalgeschützten Gebäude. Bis das komplette Konzept mit allen Vorhaben für eine barrierefreie Universität – auch für Rollstuhlfahrer und Blinde – im Laufe der Jahre umgesetzt ist, dürften hundert Millionen Euro gebraucht werden. An den Start gehen soll das für Europa einzigartige Projekt als private Uni mit Studiengebühren. Langfristig soll die Einrichtung mit dem Standort Bad Kreuznach als „Nabel“ zum europäischen Ausland staatlich anerkannt werden.

Für dieses Ziel braucht es starke Schultern aus der Wirtschaft oder aus Stiftungstöpfen – nicht nur aus Deutschland, sondern aus der Europäischen Union mit ihren 27 Mitgliedsstaaten.

Am Wochenende konstituierte sich auch der Beirat für die Gebärdensprach-Uni (siehe Kasten). Wie schon der Vorstand setzt er sich aus tauben und hörenden Vertretern zusammen. Zur Vorsitzenden wurde Irmhild Rogalla aus Berlin gewählt. Die Schwerhörige ist Leiterin eines Instituts für praktische Interdisziplinarität. Ihre sechs Kolleginnen und Kollegen vertreten gleichzeitig auch verschiedene Kompetenzen. Das ist nicht nur bei der Sponsorensuche entscheidend, sondern auch für die notwendigen Renovierungs- und Bauvorhaben, um einen Campus zu entwickeln, wie Pressereferentin Hilke Nagel betonte, und für Aktivitäten auf dem politischen Parkett. Denn auch der Arbeitsmarkt soll auf gehörlose Akademiker vorbereitet werden.

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